DIS – verboten!?

Wir vermissen unsere alte Heimat. Ich bin müde vom Vermissen, weshalb ich überlege hinzufahren, um zu testen, ob ich es wirklich so vermisse. Vielleicht ist das nicht so schlau, weil ich das Vermissen gar nicht so sehr unter Kontrolle habe wie sich das anfühlt. Wird jedenfalls gemunkelt. Vielleicht vermisse ich aber auch, weil mir so vieles fehlt hier. Therapie, ein Freund*innenkreis, Gemeinschaft, eine Aufgabe. Von einer helfenden Person wurde mir gesagt, ich würde die Konditionierungen unterschätzen. I don’t know. Maybe. Aufstehen fällt an den meisten Tagen so schwer. Seit Monaten. Ich bin an einer Klinik angemeldet, aber weiß gar nicht wie die da mit der DIS umgehen, kann ja immer ein großer Reinfall sein oder auch das Gegenteil. Dauert aber sowieso noch. In die andere Klinik wollen wir nicht mehr, obwohl sie uns auch geholfen hat, aber Umstände haben sich geändert.

Manchmal würde ich gerne irgendwo ein Foto von mir/uns hochladen und die Diagnose und alles andere dazuschreiben. Dabei kann ich nicht mal überhaupt irgendwas aufschreiben, das irgendwie mehr über uns was aussagt, allein dieser Satz jetzt schon. Mir ist erst in der letzten Zeit aufgefallen, dass das irgendwie gesperrt ist. Also andere haben schon vor Jahren mal irgendwo aufgeschrieben, dass da irgendwas ist/war mit früher und anderen mit DIS und ich weiß, andere innen haben in sich dieses “es gibt keine DIS”, aber nicht zweifelmäßig, die könnten locker bei allen DIS-Leugnern mitsprechen und False-Memory kann ich mir nicht im Ansatz was zu durchlesen, da geht’s gleich los. Da ist irgendwas, das mich/uns so krass behindert etwas darüber zu schreiben oder zu sagen. Nicht in Therapie, da geht es. Vor der Diagnose war es ganz anders, da hab ich sogar viel geschrieben, weiß nicht wie es hier auf dem Blog ist. Soweit ich weiß geht das was geht nur, weil es so anonym wie möglich gehalten ist, trotzdem kann ich nie über das schreiben was ich mal gerne schreiben würde. In der Klinik haben wir immer versucht, dass wirklich niemand was mitbekommt, wenn andere Betroffene da offen mit der Diagnose umgehen weiß ich, dass andere innen panisch zur Pflege rennen und die davon überzeugen, dass diejenigen für uns, für sich selbst und die ganze Gruppe eine Gefahr sind. Selbst wenn sie nicht offen damit umgehen, wir aber von der Diagnose bei anderen wissen, ist erstmal Abwehr und Abneigung da, und ein Gefahrengefühl. Was auch schon komisch ist hier zu schreiben merke ich, weil mir schwindelig wird und ich unruhig werde. Dabei würde es zu mehr Freiheit führen und vor allem auch der Möglichkeit der Verbindung, die wir uns sehr wünschen. Wenn da nicht ständig dieses nicht greifbare und auch nicht verständliche “alles was mit DIS zu tun hat: bitte meiden und am besten noch verachten” rumwabern würde. Als dürfte es das nicht geben. Nicht bei uns, nicht bei anderen. Und wir dürfen mit “solchen Leuten” sowieso nichts zu tun haben, und irgendwie ist dazu ja noch dieses Konkurrenz-Leben-Tod-Ding gepaart mit Narzissmus, da wurde mal was zu aufgeschrieben. Irgendwo im Hintergrund warten Flashbacks oder eine Armee von Verbietern oder beides, kann das fühlen. Wäre also mal lohnenswert da hinzusehen. Kann von Kleinen Traurigkeit um ihre Freund*innen fühlen bei dem Thema. I don’t know. Dann schreib ich sowas auf und weiß nicht was ich jetzt weitermachen soll. ‘soll es nicht wissen?’, Gedanke, der reinkommt.

Hinsetzen, hinsehen, Kontakt aufnehmen, ins Gespräch gehen innen. In einen Austausch gehen, in Verbindung. So einfach und so schwer zugleich. Wenn wir versuchen in Kontakt miteinander zu gehen, werden wir oft so müde, dass wir nicht anders können als zu schlafen oder wie in Trance kurz vorm Einschlafen dazusitzen (findet jemand nicht gut, dass ich das schreibe, was ja irgendwie paradox ist, weil das auch ein Kontakt ist, dass ich das fühle). Manchmal klappt es besser, wenn wir nebenbei etwas machen. Ein richtiger Austausch ist mega selten, die meisten von uns (glaube ich, weiß es aber eigentlich gar nicht, oh man) hören auch keine Stimmen der anderen, deshalb dachte ich am Anfang immer, die Diagnose stimmt auf keinen Fall, weil immer als typisches Symptom benannt war/ist, dass es so laut im Kopf ist. Bei vielen von uns ist es eher ruhig oder anders unruhig mal, jedenfalls nicht dieses “kann meine Gedanken nicht hören, weil Leute in meinem Kopf diskutieren”.

All that I know – so fckng tired of hiding and not being allowed to exist. Also meist fühlt es sich nicht so an, hab es jetzt nur erst gemerkt (im Grunde genommen schon lange, nur dann immer weggeschoben), dass das sozusagen einfach in unserer DNA ist, so fühlt sich das eher an, so dass wir eben einfach so sind, nicht nach verboten oder überhaupt erwähnenswert oder überhaupt bemerkenswert, ich verhaspel mich jetzt hier total. Als wäre unser ganzes Sein darauf ausgerichtet, so als wäre die DIS ein blinder Fleck, was ich nicht verstehe und auch unlogisch ist, aber wahrscheinlich bin ich in der richtigen Richtung unterwegs, weil von innen welche(?) fühlbar sind, die Gewalt nicht als Gewalt sehen oder so und andere, die das befürworten und auch nicht richtig verstehen wieso es überhaupt falsch ist. Jetzt hab ich total den Faden verloren. Also beende ich mal, was auch immer für ein Zeug ich jetzt veröffentliche. Wunsch nach und (Todes)Angst vor(?) Gemeinschaft. Wo kommt das denn jetzt her… oh man.. Schluss jetzt hier. Vielleicht wird’s ja nicht wieder gelöscht.

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Realisieren

Wenn ich das schaffen würde, mich nicht mehr dafür zu hassen traumatisiert und krank zu sein, würde das so viel verbessern wie ich mir das vorstelle?

Seit ich erkannt habe, dass mein Blick auf mein Leben nur einer von vielen ist und wenn ich diese Momente habe, in denen ich realisiere, dass die anderen in mir wirklich da sind und dass sie letzten Endes ich sind und dass ich letzten Endes sie bin, überkommt mich eine Schmerzenswelle, Trauer und dann hasse ich mich. Nicht die anderen innen, nur mich. Als würde der Boden unter mir wegschwimmen, nicht wegreißen. Es ist kein Fallen, vielmehr ein immerwährendes Straucheln, ein Stolpern mit Schwindel, mit dem Versuch stehen zu bleiben während klar ist, dass das nicht funktioniert und die ganze Kraft geht verloren im Zwischenzustand.

Vielleicht ist das leichter auszuhalten. So wie die Sehnsucht nach Menschen oder einem Leben, das so nicht realistisch ist. Der Schmerz dieser Sehnsucht ist leichter auszuhalten als diese loszulassen.

Am Ende steht aber unausweichlich immer die Abwertung, die Verachtung meines eigenen Seins. Die Frage nach dem, das ich falsch mache. Das Anzweifeln der Diagnose, der damit einhergehenden Geschichte. Die Verzweiflung über dieses Spiel, das ich nicht aufhöre zu spielen, das Vermissen meiner Familie und das Nicht-Verstehen darüber wieso ich so bin, wieso ich diese Geschichte habe, wie das überhaupt möglich gewesen ist. Am Ende stehe ich da und strauchle nicht mehr, Realisieren ist der eigenen seelischen Vernichtung gewichen.

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Therapiesuche

Nach 25 Minuten sagt die Traumatherapeutin, sie wüsste was mein Bedarf sei und was ich mitbringe, ob wir die Sprechstunde beenden sollten. Sie weiß meine Diagnose, als Stichpunkt meinen Hintergrund und einige Rahmendaten, letzte Therapie, Wohnort etc. Bei mir gehen die Alarmglocken an, wie kann sie wissen was mein Bedarf ist, wenn sie sonst nichts von mir weiß? Ich sage, dass mein Gefühl nicht so toll sei, dass ich glaube in einem Erstgespräch gehe es schon darum noch mehr darzustellen, um für beide Seiten zu klären, ob es passt oder nicht. Ich wage ihre meiner Meinung nach vorschnelle Beurteilung zu kritisieren, meinem Gefühl nach kommt das nicht so gut an. Wenn ich etwas erzählen möchte, sagt sie, soll ich erzählen, aber sie fragt nicht. Jemand aus dem innen übernimmt, ich weiß nicht wieso es wechselt, ob ich überfordert bin und zu kritisch, ob alle überfordert sind, ob es einfacher ist für diejenige, auf jeden Fall steht ein zweiter Termin in meinem Handy. Ich schreibe der privaten Therapeutin, bei der ich bereits einige Male war, eine E-Mail, wir telefonieren später und ich gebe Bescheid, dass ich ohne die Sicherheit auf eine baldige Bewerbung für einen Kassensitz nicht weiß, ob ich das Kostenerstattungsverfahren probieren möchte bei der geringen Aussicht auf Erfolg. Als wir auflegen weine ich. Wir machen ab, dass wir in zwei Wochen nochmal telefonieren. Vielleicht waren meine letzten beiden Therapeutinnen zu gut, um mich danach nochmal einlassen zu können oder es ist einfach wirklich so, dass es scheitert an fehlender Passung und den Anforderungen des Systems. Mittlerweile nach zwei Jahren Therapiesuche, einer angefangenen und wieder abgebrochenen Therapie, drei Zusagen, die zurückgezogen wurden, zig Absagen und einer Handvoll Erstgesprächen sowie einer Probatorik und viel investiertem Geld in Termine bei privaten Therapeutinnen weiß ich nicht, ob ich irgendwo anfangen soll wo das Gefühl “naja, geht so, gibt sonst keinen, ist ja ganz nett, mal gucken” ist, ob ich darauf spekulieren soll, dass irgendwann ein Kassensitz kommt und dort mein “geht so”-Gefühl ausreicht dafür, ob es auf Fachwissen ankommt, auf Beziehung, auf Entfernung zum Wohnort (wobei diese sowieso immer so wei ist, dass ich einen ganzen Tag einplanen muss), auf die Dauer wie lange die Therapeutin wohl noch arbeitet. Weiß nicht, ob es an mir liegt, an Verhinderung von innen, bin mittlerweile zu kritisch oder habe einfach zu viel Angst wieder irgendwo anzufangen und mich nach jeder Stunde noch haltloser als vorher zu fühlen, weil es nicht passt, es weiter zu versuchen, nur um in der letzten Stunde zu hören, dass ich die einzige Patientin der Therapeutin bin, zu der sie keinen Draht findet und frage mich warum sie das nicht schon viel früher gesagt hat, hatte ich selbst es doch immer wieder thematisiert.

Weiß nicht, ob ich die Suche beenden soll und was ich dann mache.

Es ist ermüdend. Mittlerweile fühle ich mich wie bei Vorstellungsgesprächen, und wie soll ich ein Gefühl für etwas bekommen, wenn da so viel Angst mitschwingt?

Immerhin habe ich eine Zusage meiner Wunschklinik, wünschte trotzdem ich hätte ambulant so eine Versorgung, dass ich nicht auf Klinik ausweichen müsste.

Die Begleitung und die Hilfe, die ich habe, erfolgt durch Menschen, die das am System vorbei machen oder innerhalb, aber die Grenzen ausweitend. Die Hilfe wäre nicht in der Form da, würden diese Menschen sich nicht dazu entscheiden dieses kleine bisschen Mehr zu geben, was uns viel mehr bedeutet als jede kassenfinanzierte Therapie. Und trotzdem sind da weiterhin all die festgesetzte Gewalt und Traumata in uns, von denen ich nicht weiß wie wir das alleine schaffen können zu lösen. Vielleicht geht es mit diesen Menschen und der Klinik, wenn sie sich als guter Ort rausstellt. Vielleicht geht das mit uns selbst, mit dem was wir von unseren ehemaligen Therapeutinnen mitnehmen durften.

Ich bin dankbar und verzweifelt zugleich. Aber vor allem müde. Vielleicht braucht es eine Pause.

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2023

Hab einen ganzen Jahresplan, obwohl das alles egal wird, wenn ich zweifle und Angst bekomme, weil so viel unmöglich erscheint, solltest du nicht mehr da sein. Es hat fast alles mit dir zu tun einfach, immer, das macht mir Angst, ich möchte auch ohne dich atmen können. Wenn wir eine Krise haben, bricht alles in mir ein. Ich weiß nicht, ob ich stabiler sein müsste für uns oder ob es nie ein Uns geben würde, wenn ich darauf warten würde. Oder ob du deine Themen anders im Griff haben müsstest.
Letztens durfte ich ganz tief fühlen wie es ist zu lieben, wie kraftvoll. Nicht geliebt werden, sondern lieben. Dann denke ich, und wenn es das ist, dass ich das fühlen durfte in diesem Leben hier, dann reicht das. Und wenn wir eine Krise haben, dann reicht es eben doch nicht.

Zur Ablenkung lese ich wie das funktioniert mit den Kräutern und dem Gemüse und dem Vorziehen. Denke an den Jahresplan, der Urlaub und Klinik und neue Beschäftigungen und viel Natur beinhaltet. Ich würd in diesem Jahr gerne lernen anzukommen, oder nein, das trifft es nicht ganz. Ich würde gerne lernen dort zu sein wo ich bin. Nicht immer woanders sein wollen, nicht immer auf der Suche sein nach einem Zuhause. Wir haben so starke Angst davor irgendwo Zuhause zu sein und gleichzeitig ist es eine große Sehnsucht. Seit dem Umzug in die eigene Wohnung gibt es innen wohl noch mehr Stress und Druck, eigenes Leben fernab früherer Kontakte anscheinend verboten.

Ich möchte ein langsames Jahr, ein präsentes. In mir sein und hier sein.

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alltagtiefe

irgendwie weiß ich nicht. ich glaube das mit uns ist für immer, selbst wenn es das nicht ist. ich glaube, zu glauben es gäbe nur dieses leben hier auf dieser erde und aus dieser annahme heraus das leben zu gestalten ist mit das fatalste, das die menschen tun können. ich will nicht wissen wieso ich so eine starke abwehr habe gegen andere betroffene, fühle es aber, und fühle das grauen, das dahinter steht. fühle mich einsam damit, habe nicht diese erleichterung und auch kein aufgehobensein, nur viel abwehr, angst, kampf und konkurrenz, scham für all das. versuche immer wieder, dass ich ‘dazugehören’ darf, weiß nicht mal genau wozu, sehe mir dabei zu wie ich sage ‘ich bin genau so krank wie andere betroffene’ als wäre es eine riesige erkenntnis, 6 jahre nach diagnosestellung. ich greife an, wenn ich angst habe, und ich denke seltenst, ich sei wertlos, dumm, hässlich oder andere abwertende gedanken während ich tief in mir überzeugt davon bin, ein monster zu sein. lange habe ich mich gefragt was falsch mit mir ist, weil ich keine probleme damit habe, mir hilfe zu suchen, im gegenteil, ich werde fordernd sobald ich verzweifelt bin. ich sage klar was ich brauche, ich glaube oft, dass ich recht habe, ich habe kein schlechtes gewissen jemand anderem hilfe wegzunehmen, wenn ich sie bekomme. ich habe keine angst vor autoritätspersonen, ich habe keine angst davor meine meinung zu sagen und dann alleine dazustehen. aber ich schaffe es nicht 5 minuten vorne vor einer gruppe zu stehen ohne dass ich denke vor angst umzukippen. wenn jemand, der mir nahe steht, mir etwas sagt, das an meinem verhalten schwierig für diese person ist, kriege ich ein so schlechtes gewissen, das ich am liebsten sofort mein verhalten ändern würde, auch wenn es mir dann nicht gut tun würde. irgendwas stimmt mit mir nicht, glaube ich. weil das was ich tief in mir fühle, irgendwie passt es nicht zu dem wie ich im alltag bin. das was im alltag ist, das ist aber auch nicht gespielt. beides stimmt. dann stimmt ich doch, vielleicht. ich hab angst vorm hinsehen, weil ich nicht weiß, wie soll das einer aushalten, wenn es dann alltag und tiefe gibt und nicht mehr getrennt. vielleicht gegenseitig helfen beim aushalten. aber ich will mich nicht wertvoll fühlen, wenn ich weiß, ich bin ein monster. und bestimmt will ich mich nicht wie ein monster fühlen, wenn ich weiß, dass ich keins bin. aber wieso weiß ich, dass ich eins bin und weiß, dass ich keins bin? ich glaube beides, also ist das die gemeinsamkeit fürs aushalten? glauben und sehen was ich im alltag und im tiefen fühle und dass beides wahr ist.

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zuwenigzuviel

Nicht gern gesehen. Zu wenig mitfühlend, zu viel Abwehr und Abwertung, zu viel ‘Täterdenkenfühlen’. Zu viel Verachtung für kranke Menschen, “die immer dann auftaucht, immer wenn es so ist, bei uns”. Die Frage: Würde ich das denken ohne die Erfahrungen? Wäre ich dann wirklich ein so guter Mensch? Auch nicht wissen was einen guten Menschen ausmacht. Einfach eben viel Hass und Verachtung und Abwehr in mir. Gegenüber Traumatisierten, gegenüber ‘mir’ selbst, gegenüber uns, gegenüber den ‘Schwachen’ in dieser Gesellschaft. Dieses Leben hier ohne Gewalt, einfach nur traumatisiert, gespalten, Opfer, offiziell PatientIN, nicht wissen was ich damit anfangen soll. Als würde ich etwas essen, das zum Kotzen schmeckt. Als würde ich jeden Tag das Gleiche essen, das mich anödet. Kriege es schon runter, passt schon. Achtung davor haben? Wofür? Auf dem Zettel stehen SYMPTOME, das hier, soll ein SYMPTOM sein, ich soll ein SYMPTOM sein, denkenfühlenhandeln alles nur SYMPTOM. Alles gelernt, alles übernommen, alles nur damit wir überleben konnten. Alles eine Lüge, alles nur Spielbälle, alles nicht wichtig, alles nur Verrat. A. hat das erkannt, fühlt es, P. hängt an ihm, rennt auch in sein Verderben. Wieso einbrechen lassen was trägt? Wieso Lügen nicht mehr glauben, wieso Wahrheiten suchen, die zum Kotzen schmecken? Was ist so groß und toll an einer ‘Freiheit’? Wenn keiner mehr leiden soll von denen, versteh ich, ist nicht schön für die, akzeptiere ich als Grund. Was soll ich dann hier bitte? Essen, das zum Kotzen schmeckt. Strafe für immer, die glorreiche Zukunft nach der glorreichen Transformation von ‘täterloyalem Anteil’ zu ‘hab alles erkannt, einmal gefühlt wie ich verraten wurde, hat mich erlöst, bin jetzt Befürworter eines HEILEN Lebens, bester Freund und Beschützer der Kleinen, Vorbild für die, die so sind wie ich mal war’. Danke. Bitte. Dafür sorgen, dass die keine Leugner werden, wenn es so bei uns ist. Bitte, ein SYMPTOM. Bitte, hier habt ihr was, bitte, da war mal was ganz Grauenvolles, wisst ihr jetzt. Könnt ihr stolz sein, Fortschritte, hat sich was geändert, Transformation bis in alle Ebenen, erlöst, geheilt, aufgelöst, endlich frei, endlich leben, endlich endlich end.lich. frei

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Küchentischrealität

Hinsehen zu denen, die dort sind in uns wo es keine Zeit gibt, die vergangen ist und wenn doch, dann gefühlt nur im Außen, aber nein, nicht gefühlt, nur vom Wissen her, weil da jemand ist, der sagt „es gibt jetzt ein anderes Jetzt“ und diese Worte werden nicht verstanden. Heute kein Tagesplan mit Punkten und Themen für innere Arbeit, die wir jeden Tag abarbeiten. Kein Sitzen an unserem Platz, der Sicherheit vermitteln soll. Sicherheit können wir denjenigen an so einem Platz nicht vermitteln. Nichts können wir vermitteln, weil da kein Punkt ist, an dem wir uns treffen. So fühlt es sich an.

Ich sitze in der Küche, ein Glas Saftschorle neben mir. Ein Brötchen mit veganem Fleischsalat, selbstgebackene Kekse, Bücher, die von Gefühlen handeln, von Einsamkeit und Isolation und Tod und Sinn, Notizbücher vollgeschrieben von uns und ihnen. Von einem Menschen, der in sich drin keinen Treffpunkt findet. All das, diese Küchentischrealität ist von ihrer so weit entfernt wie ihre von unserer: unendlich und gleichzeitig so nah wie es nur geht. Ich lese Blogartikel und Leitfäden, lese Worte, deren Bedeutung in keiner der Realitäten ankommt.
Wir brauchen keinen Treffpunkt. Würden wir die Küche sich einen Moment lang ein klein wenig auflösen lassen, die Zeit loslassen, Begriffe und Bedeutungen nicht als solche, sondern als unsere individuellen Erfahrungen und Lebensrealitäten verstehen, wäre das derzeit der bestmögliche, aushaltbarste Schritt hin zu einem Sein, das sich finden darf. Schreibe ich und möchte den letzten Satz löschen, weil sich das „bestmögliche“ und vor allem das „aushaltbarste“ überhaupt nicht so anfühlen. Weiß ich doch wieso sich Begriffe und Bedeutungen nicht als individuelle Lebensrealitäten und vor allem nicht als Erfahrungen verstehen lassen, streiche das “bestmögliche”, ersetze das „aushaltbarste“ durch „nicht zu überlebende“, streiche es, ersetze es durch „ _____ „, weil ich fühle, dass es zu überleben ist und es doch kein Wort gibt dafür.
Für heute reicht das: In der Küche sitzen. Wissen wer hier alles mit uns sitzt (oder auch nicht wissen). Angst haben dürfen vor der Auflösung. Vor dem Wissen, vor dem Nicht-Wissen. Den einsetzenden Schwindel bemerken, die Küche als Anker nutzen, hier ist es sicher für uns, die hier gerade sind im Alltag. Nicht sicher im Sinne von „niemand tut uns etwas“, sondern sicher im Sinne von „es gibt einen Alltag“. Tränen bemerken, die hochsteigen, wenn das reichen darf. Wenn kein Verstehen erzwungen werden muss und irgendwo dazwischen fühlbar wird, dass alle Lebensrealitäten parallel in einem Körper, einer Seele existieren.

Heute Abend gibt es Nudeln mit Blattspinat, davor Vögel beobachten und frische Luft atmen. Eine Antwort ans Amt steht auch noch aus .

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Auch Traumafolgen

Wir sind auf dem Weg zu einer Wohnung, um unser Gefühl nochmal zu überprüfen. Gestern kam die Zusage. Es ist innerhalb der letzten Monate die einzige Wohnung, die vom Amt übernommen werden würde und wo eine Zusage kam. Als wir fast da sind und die Hochhauskomplexe sichtbar werden, sagt V. zu dir “Ich schäme mich”. “Wofür?”, fragst du und sie antwortet “Weil ich vielleicht in so eine Wohnung ziehen muss”. “Die Welt sollte sich vor dir schämen”.

Wir entscheiden uns gegen die Wohnung, auch wenn unsere jetzigen Wohnverhältnisse triggernd und belastend sind. Das sind Traumafolgen, die kaum irgendwo sichtbar gemacht werden. In Wohnverhältnissen leben, die nicht zumutbar sind, aufgrund von Armut kaum Wahl bei neuen Wohnoptionen zu haben, die ein Sicherheitsgefühl vermitteln sollten, wo wir zur Ruhe kommen sollten und nicht ständig getriggert sein sollten. Wir suchen mittlerweile seit 9 Monaten, werden immer wieder alleine nur durch die Wohnsituation und die Suche instabil. Viele innen sehnen sich so sehr nach einem Zuhause, einem Ort der Ruhe. Wir versuchen zu vertrauen, was nicht einfach fällt, aber der einzige Weg zu sein scheint, denn Hilfe kommt von Freund*innen, von professionellen Helfern, von Institutionen vor Ort, aber nicht von den Menschen “da oben”, die sich um den Kapitalismus kümmern und nicht um den Menschen.

die last fühlt sich heute riesig an, wie ein schwarzes dunkles Meer, dessen wellen uns runtergedrückt haben und nicht mehr hochlassen. wir versuchen das jetzt so zu nehmen, für heute, die last neben uns setzen, das realisieren, das grauen, das heute fühlbar ist wie es selten, aber doch immer mehr ist, das lassen wir da, das sehen wir uns packen es nicht weg wie es früher sein müsste. und wir stellen das daneben was wir heute haben. Menschen, mit denen wir essen werden auf dem sofa sitzen, die jetzt da sind, nichts zu tun haben mit dem grauen. wir sehen und fühlen all das, wir saugen es auf und halten uns dran fest. denn irgendwann tauchen wir wieder auf und all diese dinge zeigen uns, dass es mehr gibt. dass wir nicht (mehr) alleine sind. und gleich geht’s los, wir mögen das Meer weil alle darin zu uns gehören, und wir dürfen auch Licht reinlassen, damit sich das vermischt.es muss nicht mehr getrennt sein, um zu überleben.

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und wenn wir es nicht schaffen, denn das glaube ich mehr als 50% der zeit, und ich mehr verliere als das was am anfang stand, dann bereue ich es trotzdem nicht, weil ich weiß ich würde es für immer bereuen, hätten wir es nicht versucht. ich weiß, es ist nicht für alle in uns so. mehr als alles auf der welt wünsche ich mir gerade, dass wir gemeinsam dieses leben weiterführen. ohne dich tut es so weh und mit dir, mit dir ist es manchmal grauenvoll und die meiste zeit wunderbar. ich weiß nicht, ob es reicht und möchte es so sehr.

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zuhause

während du uns durch unser ehemaliges heimatbundesland fährst, halten wir den kopf unten, tippen ins handy, um die Landschaften nicht zu sehen, um die Autobahnschilder nicht zu lesen. ein Jahr nicht dort gewesen und nicht durchgefahren, feststellen, dass ein Jahr nicht viel ist für mechanismen in uns. eine Übernachtung abgebrochen, unterschätzt, zu nah an der Grenze, zu viele Symptome und abgespalterei und jetzt fahren wir nach Hause. Jedenfalls dorthin wo wir derzeit leben, nach Zuhause fühlt es sich nicht an. Zuhause, so fühlt sich dieses Bundesland und das drumherum an, so fühlt sich die Landschaft an. Wenn man wegfährt, fährt man zurück nach Hause oder nicht? Das tun wir nicht, wir haben kein Zuhause, in das wir zurückfahren und haben es gleichzeitig doch, wenn man es so bezeichnet wo man geld bezahlt für ein Dach über dem Kopf. Seit dem wegzug ist dies das präsenteste Gefühl. Wie verloren zwischen Welten fliegen. Wir versuchen das leben anderer Leute nicht zu vergleichen mit unserem und vor allem zu sehen, dass das was wir sehen nicht das ist was ist, sondern das äußere Bild. Die Frage wie andere uns von außen sehen, in einem Moment in der Stadt oder am See, wahrscheinlich ein ziemlich gewöhnliches Bild eines Menschen. Während wir mit 160 km/h über die Autobahn gefahren werden, im Augenwinkel die Landschaft vorbeiziehend, wundern wir uns darüber, dass der menschliche Körper überhaupt solche für ihn unnatürlichen Geschwindigkeiten mitmacht. Über das was der Mensch aus leben macht. Wir haben nicht das leben, das wir uns vorgestellt haben, niemand von uns. Für einige ist es schlimmer, für andere besser als alles was war. Uns eint, so denke ich, dass ein Zuhause das ist was wir uns am meisten wünschen und am meisten fürchten. Der Wunsch anzukommen, aber auch immer unterwegs zu sein. So ist es ganz einfach ein Zuhause zu ersehnen, ein leben zu ersehnen, das (derzeit) nicht möglich ist. Und schwierig das jetzige anzunehmen. Manches ist nicht nachzuholen, manches ist nicht realisierbar und manches kommt ins Leben, das ganz anders ist als erwartet und doch ist es unser Leben. Die Menschen versuchen so sehr ihr Leben zu gestalten und zu beeinflussen, am Ende wartet dann riesige Enttäuschung über das was nicht geklappt hat oder auch Freude. Und wenn das Glück in einem selbst davon abhängig ist, wie stabil ist es dann? Es läuft Edvard Grieg, Mozart Piano Sonata No. 16. Wir fahren gleich über die Grenze. Richtung Zuhause.

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